„Cool, die Leute kennenzulernen“

Töpfern, gemeinsame Ausflüge und Veranstaltungen. Fast ein Jahr lang haben sich Schülerinnen des städtischen Von-Müller-Gymnasiums im Rahmen eines Seminars wöchentlich mit Bewohnern eines Wohnheims der Diakonie getroffen. Im Johann-Hinrich-Wichern-Haus leben psychisch kranke Menschen, die nach einem Klinikaufenthalt weitere Unterstützung und Hilfe benötigen. Bereits 2015 hatte es im Rahmen des diakonischen Lernens erstmals Kontakte von Schülern und Bewohnern gegeben. Dabei wurde zusammen ein Rakuofen gebaut.

Das veranlasste Oberstudienrätin Natalie Scheuerer vergangenes Jahr dazu, erneut ein solches P-Seminar, P für Praxis, anzubieten. Nach einer Hausführung und einem Vortrag über verschiedene Krankheitsbilder entschieden sich vier Schülerinnen zur Teilnahme und kamen bis Jahresende einmal in der Woche mit vier Bewohnern zusammen. Zusammen arbeiteten sie in der Kreativwerkstatt des Heims, organisierten Ausflüge, sowie Info- und Verkaufsstände bei Veranstaltungen. Außerdem glasierten und brannten sie, wie ihre Vorgängerinnen, gemeinsam erstellte Töpferarbeiten. „Wir waren überwältigt von der Offenheit und Liebenswürdigkeit, mit der wir empfangen wurden,“ ist Scheuerer die Freude über die gelungene Kooperation anzumerken. „Zu sehen, wie zum Teil stille und zurückhaltende Schülerinnen immer selbstverständlicher mit den Bewohnern arbeiteten“ habe sie motiviert das Seminar bei einem Wettbewerb über soziales Lernen einzureichen.

Am Anfang sei sie „schon aufgeregt gewesen“, erzählt Schülerin Lina Seubert von ihren Eindrücken. Es sei für sie „cool gewesen, die Leute kennenzulernen“ und zu merken, „die ganz normal sind.“ Sie habe gelernt „offen mit ihnen umzugehen“ und „Vorurteile“ ad acta zu legen, die dazu beigetragen haben diesen Menschen anfänglich „mit einem gewissen Respekt“ zu begegnen. Heute seien solche Befangenheiten komplett verschwunden. Scheuerer ist ebenfalls davon überzeugt, dass sich „das Bild von Psychiatrie“, das vielfach medial und gesellschaftlich vorgeprägt sei, bei allen Schülerinnen „sehr revidiert“ habe. Sie selbst sei „heute offener gegenüber solchen Krankheitsbildern wie Schizophrenie“, macht die Pädagogin keinen Hehl aus eigenen Lernschritten. Auch für die Heimbewohner waren die regelmäßigen Begegnungen „wirklich toll und sehr motivierend“, weiß Werkstattleiter Günther Helfrich zu berichten. Als Abschluss würde im Februar noch eine gemeinsame Töpferarbeit gebrannt, verweist er auf das gelungene Praxisseminar. Er wünsche sich viele solcher Kontakte und Begegnungen, die zu einem entspannteren Umgang mit dem belasteten Thema in der Öffentlichkeit führen würden.  




Mit Klängen die Durchblutung fördern

„Naa, i hea nix…“, schüttelt Franziska Haimerl energisch ihren Kopf mit dem feinen, weißen Haar. „Auf dera Seit`n“, schiebt sie erläuternd nach und deutet aufs linke Ohr, „auf da andern scho“. Sie rückt das Hörgerät im rechten Ohr zurecht. „Des klingt ganz schee“ beteuert sie mit weicher Stimme und verfällt plötzlich ins Hochdeutsche, „wunderschön.“ Die alte Frau sitzt in ihrem Zimmer im zweiten Stock des Argula-von-Grumbach-Hauses am Tisch mit Blick auf ein Wäldchen und einen kleinen Park. Seit knapp zwei Jahren lebt die 89-Jährige in dem Seniorenheim, das von der Diakonie Regensburg betrieben wird. Sie ist neugierig auf alles was kommt, erzählt sie lachend, denn „dann lern´ ich doch was dazu!“

Heute ist Neize Brede gekommen, mit einem ganzen Satz Klangschalen in einer Tasche. Zwei der größeren hat sich ausgepackt und nebeneinander vor Haimerl auf den Tisch gestellt. Ganz sanft zunächst, dann etwas härter und lauter schlägt sie diese abwechselnd an. Manchmal nimmt sie eine Schale in die Hand und bewegt sie vor der alten Dame hin und her, lässt den Ton wandern. Die Betreuungsassistentin ist eine kräftige Frau mit einem großen Herzen. Neben ihrer Familie mit zwei fast erwachsenen Töchtern hat sie darin den alten Menschen den meisten Platz eingeräumt. „Ich mag sie sehr“, lacht sie, „und lerne viel von ihnen“. Wenn sie einen Fehler mache, verdeutlicht die gebürtige Brasilianerin, würde sie gleich korrigiert. In diesem Jahr hat sie, nach einer Fortbildung, begonnen mit einigen Bewohnern so genannte Klangarbeit zu machen. Vorerst sei es ein Projekt, schaltet sich Leiterin Birgit Robin ins Gespräch ein, um zu sehen wie „dieser therapeutische Ansatz ankommt und hilft“. Brede ist davon überzeugt, dass mit den Klangschalen bei den Menschen die „Durchblutung gefördert“ und sogar der „Geschmackssinn verstärkt werden“ könne. Sie habe es selbst mehrfach mit einem Stück Schokolade getestet, das ihr mit den lang nachhallenden Tönen einer Klangschale spürbar „süßer geschmeckt hat“.

Inzwischen hält Haimerl einen Luftballon vor sich in den Händen und ist ganz begeistert von den Vibrationen in ihren Fingern und Armen. Die kommen von der Klangschale, die Brede mehrmals angeschlagen hat. „Weil wir größtenteils aus Wasser bestehen“, erklärt Brede, übertrage sich die Energie der Klänge und helfe den Menschen sich selbst besser wahrzunehmen. Sie sitzt der alten Frau gegenüber, fragt nach ihrem Empfinden und freut sich, wie diese mitmacht und in der rund 25-minütigen Sitzung immer aufgeweckter und lebhafter reagiert. Offensichtlich hat Haimerl Geschmack an den ungewohnten Eindrücken gefunden, das Spiel mit den Klängen macht ihr sichtlich Freude. Brede hat die Klangarbeit mittlerweile auch in Gruppen getestet und viel Zustimmung erhalten. Künftig will sie weitere Bewohner mit ihren wohlklingenden Klangschalen anregen, eigenen Empfindungen nachzuspüren und neue Lebensqualität zu erfahren.